Am 23. und 24. Mai fand in Graz das zweite Politcamp statt. Dort wurde fleißig fotografiert, referiert und diskutiert – jedoch in einem elitären Kreis, waren doch sehr viele Politikbegeisterte und sehr wenige Politiker anwesend.
Einer der wenigen hatte dafür umso mehr zu sagen. Christoph Chorherr, Wiener Gemeinderat und ehemaliger Bundessprecher der Grünen, unterstützte die Initiave der Grünen Vorwahlen von Beginn an und sorgte damit parteiintern und auf dem Politcamp für einige Diskussionen.
Thomas Pokorn und Markus Zottler führten das FAZITGESPRÄCH mit einem Politiker, der nicht nur eine starke Webpräsenz zu bieten hat.
Hier gibt es das Interview im schönen FAZIT-Layout und für alle, die nicht so sehr auf Layout stehen, gibt es das Ganze folgend in journalistischer Reinkultur.
Für die tollen Fotos war in bewährter Art und Weise Viktoria Fahrnleitner zuständig.
Viel Spaß beim Lesen!
Christoph
Chorherr
Die Chance auf Avantgarde
Sie haben sich in Ihrem Weblog vor Kurzem die Frage gestellt, wer oder was eigentlich die Basis einer Partei ist.
Haben Sie für die Grünen schon eine Antwort darauf gefunden?
Aus meiner Sicht sollen Wählerinnen und Wähler das letzte Wort haben und die Kandidaten auswählen. Ein Persönlichkeitswahlrecht ohne Mehrheitswahlrecht – das würde zu mehr Unabhängigkeit führen und der Klubzwang wäre per se obsolet.
Die heftige Auseinandersetzung bei uns Grünen, obwohl wir noch eine der offensten Parteien sind, zeigt, wie schnell Parteiwerdung funktioniert und wie Parteiwerdung zum Abschließen führt. Dieses Abschließen sehe ich als eines der Probleme der Demokratie.
Die Frage nach der wahren Basis der Grünen ist im Zuge einer Online-Kampagne neu aufgetaucht. Dabei nützen so genannte “Unterstützer” die Parteistatuten der Wiener Grünen aus. Die besagen, dass man kein Mitglied der Partei sein muss, um bei der Listenaufstellung für die Gemeinderatswahl 2010 mitbestimmen zu können.
Sie unterstützen diese Initiative. Warum?
Ich sehe es als Riesenchance für uns Grüne. Das ist eine Gruppe sehr relevanter Menschen, die sich für uns interessieren. Selten haben wir grün-intern eine grundlegende Diskussion so heftig geführt. Klugerweise hat diese Initiave nicht irgendein marginales Thema gewählt, sondern den Kern der Macht, wo es um Personen und um Geld geht.
Egal wie diese Auseinandersetzung ausgeht, ich bin davon überzeugt, dass sie die innerparteiliche Situation in Österreich verändern wird.
Die “Unterstützer” sind also Parteibasis, obwohl sie keine Mitglieder sind?
Sicher. Man könnte es eine “Mitgliedschaft Light” nennen. Man unterschreibt, dass man die Grünen unterstützt und keiner anderen Partei angehört.
Die Grünen waren immer die Avantgarde. Mittlerweile haben wir dieses Image verloren. Durch diese Initiative können wir etwas davon zurückgewinnen.
Sie betonen immer wieder, dass “politische Abläufe Zeit brauchen”. Dem gegenüber steht diese Webcommunity, welche Sie selbst anhand ihrer “kurzen medialen Produktionszeit” beschreiben. Kann das gut gehen?
Auf der einen Seite gibt es diese unglaubliche Geschwindigkeit, und auf der anderen Seite den politischen Prozess. Politik heißt Interessen bündeln, Kompromisse finden und etwas ganz Altmodisches tun: nachdenken. Das braucht Zeit.
Diese beiden Extreme prallen jetzt aufeinander. Ich meine aber, dass Innovation immer an den Grenzen, im Konflikt, stattfindet. Deswegen kann dieses Zusammenspiel klappen.
Den Großteil der Unterstützungserklärungen gibt es schon einige Zeit. Der dafür zuständige grüne Landesvorstand tagt wöchentlich. Warum ist bisher noch keiner von diesen Vorwählern bestätigt worden?
Ich glaube, dass es bald zu den Bestätigungen kommen wird.
Man muss aber schon bedenken, dass wir bisher immer so um die 500 Leute bei einer Landesversammlung hatten. Da können 150 neue Unterstützer schon sehr viel bewegen.
Natürlich gibt es Funktionäre wie mich, die sagen, dass man die Leute sofort aufnehmen soll. Es gibt aber auch andere, die einen sehr traditionellen Parteibegriff haben und vorsichtiger damit umgehen. Darum sucht man jetzt einen Weg, mit dem am Schluss wahrscheinlich niemand glücklich sein wird, der aber genau das darstellt, was in der Demokratie am Wichtigsten ist: einen Kompromiss.
Innerhalb der Grünen scheint es Leute zu geben, die Sie als versteckten Initiator der Kampagne sehen. Was sagen Sie diesen Leuten?
Viel Feind – viel Ehr. Ich bin immer wieder fasziniert, wie viel Macht und wie viele Möglichkeiten man mir zuschreibt.
Wir stehen jetzt zwei Wochen vor der EU-Wahl. Wie stehen die Chancen der Grünen?
Die Grünen haben insgesamt im Moment nicht gerade Rückenwind. Vieles was sich in den letzten Jahren an Enttäuschungen angehäuft hat, kann uns auch bei den EU-Wahlen treffen.
Ich glaube, dass das zweite Mandat sehr knapp werden wird. Deswegen frag ich viele, die sich ob ihrer Wahl noch nicht sicher sind, ob sie einen rechten Rabauken im Europaparlament sitzen haben wollen, oder lieber Parlamentarierinnen der Sonderklasse.
Bei der Nationalratswahl 2008 hatten die Grünen hohe Verluste bei den Jungwählern zu verbuchen. Wollte man diese Wählerschicht im EU-Wahlkampf nicht zurück gewinnen?
Das ist nicht so leicht. In Wien, zum Beispiel, konsumieren die Jugendlichen zu einem Großteil Gratiszeitungen oder die Krone. Dort wird übelst gegen die EU geschrieben. Differenzierung gibt es nicht – stattdessen simple Antworten und Politikerbashing. Politik, und besonders die EU, sind komplexe, hoch abstrakte Gebilde. Das ist auf den ersten Blick nicht rasend attraktiv. Es setzt ein hohes Maß an Abstraktionsvermögen voraus. Da müssten die Medien viel mehr leisten.
Warum kreieren die Grünen dieses differenzierte Image nicht?
Uns gelingt es oft nicht, das effizienteste Kommunikationstool auszupacken – das persönliche Gespräch. Ich sage das als jemand, der viele Kanäle nützt. Reden heißt jetzt aber nicht pseudocool-peinlich in die Disco zu gehen, sondern zu diskutieren. Man muss dabei auch eine Sprache sprechen die verstanden wird.
Aber gerade jetzt wo man starken Rechtstrend spürt, wäre es da nicht an der Zeit auch eine besonders einfache, aber deutliche Sprache zu sprechen?
Die radikalste Kritik ist immer die Alternative, das Andere. Irgendwo bei Twitter hab ich folgenden schlauen Satz gelesen: Empörung ist keine Politik.
Ich glaube, dass wir uns generell zu viel empören und zu wenig Politik machen.
Nehmen wir an, die Grünen erreichen ihre zwei Mandate. Was kann man mit zwei Mandaten gegen den EU-Skeptizismus der Österreicher machen?
Reden. Gerade bei jungen Leuten ist das wichtig. Es gibt ein YouTube-Video, das in sehr eingängiger Bildsprache verständlich und unterhaltsam die EU erklärt. Ich habe ja die Ehre, gelegentlich an einer Schule zu unterrichten. Dort hab ich dieses Video gezeigt, viel über die EU geredet, und dort wollen die meisten Schüler zur Wahl gehen, weil sie sich ein wenig auskennen. Die EU ist ein langer, komplexer Prozess, der nicht ganz leicht erklärbar ist. Man muss einfach anfangen.
Und wir hören jetzt auf. Vielen Dank für das Gespräch!
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Bravo. Da habt Ihr wieder ein feines Interview zusammen gebracht. Ich bin immer wieder überrascht. Für den journalistischen Nachwuchs ist gesorgt. Ich befürchte nur, dass der Markt für diese Qualität nicht vorhanden ist. Leute genießt die Zeit. Ihr werdet in Eurem späteren Leben noch oft an die JUKreiz/Fazit-Zeit zurück denken.
Interviews wie dieses würde ich gerne in unseren sogenannten Qualitätsmedien lesen, aber auch dort (vom Boulevard ganz zu schweigen) dominiert die auflagengeile Vereinfachung, die simple Floskel usw. Insofern hat Jean-Lou tendenziell Recht, wenn er den Markt für Qualität strukturell nicht (mehr) oder im Schwinden sieht.
Zum Interview: CC weist richtig darauf hin, dass Nachdenken (über Politik) Zeit benötigt; er hätte noch hinzufügen können, dass ein Crowdsourcing des Nachdenkens diesen Prozess erheblich beschleunigen und qualitativ verbessern kann. Selbst bei den Grünen wird noch zuviel in Sender-Empfänger-Abläufen gedacht (und gehandelt).
Also wir freuen uns natürlich über jedes Lob und jede Anerkennung, aber es begehrt Widerspruch in mir auf.
Der Markt wird sich finden.
)
Qualität findet ihren Markt, sonst stimmt die Qualität nicht. (Auch wenn der “Markt” im Moment anscheinend aus PR-Beratern besteht
Das die alten Marktmodelle nicht mehr funktionieren heist ja nicht, das es keinen Markt mehr gibt bzw. geben wird.
Diese zu erdenken und überdenken braucht aber wahrscheinlich ähnlich viel Zeit wie gute Politik und wie auch guter Journalismus. Crowdsourcing, oder besser “öffentliche Intelligenz” ist dafür wahrscheinlich der beste Antrieb.
P.S. Vorschläge für ein JUKreiz-Finanzierungsmodell sind natürlich Willkommen. Wir sind noch am überlegen, im Moment reduzieren sich die “Kosten” noch hauptsächlich auf erhebliche Mengen geistiger und zeitlicher Investitionen.